Eine Kritik, der es scheißegal ist, dass ihr Inhalt vage ist

17. April 2021
© Kurt Van der Elst

(…..) Ein Stück dem es scheissegal ist, dass sein Titel vage ist

Ich hätte das Stück bei Tageslicht in meinem Bett liegend angeguckt. Aber mir wurden Anweisungen gegeben, den Raum abzudunkeln und mich auf einen Stuhl zu setzen. Mir wurde die Anweisung gegeben, mir selbst ein Theatererlebnis zu bauen. Ich weiß um die Bedeutung von Theater als Ritual und dennoch hätte ich beinahe darauf verzichtet. Um Zeit zu sparen, die ich frei hatte. Ich habe gestern etwas gesehen, das ich seit Beginn der Pandemie schmerzlichst vermisse: gutes Theater. Mit allem Rituellen, das dazugehört. 

Bis zur Mitte des Stücks war ich genervt. Als jemand, der in der Theater- und Kunstwelt zuhause ist, habe ich viele Versuche Kunst über Kunst zu machen, gesehen. Das ist oft eine elitäre referenzüberladene Reifeprüfung oder ein pseudokindlich pseudonaiver Versuch, die Welt- und Kunstkonstrukte neu zu beobachten. Dabei ist das Hinterfragen von Konstrukten so fundamental nicht kindlich. Das passiert in der Adoleszenz. Und dort passiert es nicht mit großen, neugierigen Augen, sondern mit wahnsinniger Wut und Panik. Wut auf die Konstrukteure, die Eltern, die einen angelogen haben, die weißen alten Männer in den Parlamenten, die eigenen Lehrer*innen. Und Panik davor, in der Auflehnung gegen das, was man als Realität akzeptiert, allein zu sein. Und das zeigt das Stück. Und deswegen war ich dann nicht mehr genervt, sondern sehr ergriffen. Oh ja, juhu, ein wirkliches JUGEND-Stück, mit riesiger, ambivalenter, zersplitterter Wertschätzung der Jugend. 

Adoleszenz bedeutet Konstrukte entdecken, suchen was echt ist und verwirrt werden, weil alles Konstruierte auch echt ist. Und dann geht es irgendwie nur noch darum zu gucken, in welchen Konstrukten man sich wohl fühlt und ob man bessere findet. Angefangen dabei, sich selbst ein kleines Theatererlebnis zu bauen, wenn unser geliebtes Konstrukt Theater nicht mehr sicher ist. Wo es endet weiß ich nicht. Vielleicht damit, einfach alles doof zu finden. Auf jeden Fall ist der Versuch, sich auszudrücken, etwas, dem ich gern immer wieder zuschaue. Und ich bin froh, dass Carola Elias gesagt hat:

Es gibt nicht für alles Worte
und man sagt manches und manches nicht. 
Und dieser Zwischenraum ist auch ganz wichtig. 
Und du stehst ja auch noch am Anfang.

Text von Thalia Schoeller | Redaktion Hingucker*innen

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