Das mittlerweile allzu bekannte gelbe Festivalvorschaubild verschwindet und ich sehe das erste Mal auf diesem Festival ein Kamerabild, das sich bewegt. Durch eine Tür, durchs Foyer, durch noch eine Tür zur großen Bühne, durch eine Holztür diesmal in den dunklen Theaterraum. Hach, LIEBE endlich mal wieder ein Theater von innen. 

Die Inszenierung Mr. Nobody von Jan Gehler am Jungen Schauspiel Düsseldorf ist ein One-Shot-Film, der die Frage nach den Auswirkungen jeder unserer Entscheidungen stellt - das berühmte: Was wäre wenn. Die Vorlage ist das Drehbuch von Jaco Van Dormael. Der Film ist 2009 erschienen. Die Bühne ist ein halbrunder Raum, eine Art Riesentafel. Die Spielenden malen sich ihr Bühnenbild permanent selbst, das ist höchstsspannend und immer wieder neue Bilder zu entdecken macht die ganze Vorstellung lang Spaß. 

Nemo Nobody gespielt von Jonathan Gyles wird beim Aufwachsen begleitet, begonnen kurz vor seiner Geburt bis hin zu seinem Post-Pubertären-Selbst. Immer wieder geht die Inszenierung zurück auf Nemos Leben im Jahr 2102 in einer Klinik, wo ein Journalist und eine Psychiaterin versuchen herauszufinden, was denn nun eigentlich sein Leben war. Und so bewegt sich das Stück zwischen Nemo in fünf möglichen Vergangenheiten und in eben diesem Krankenhaus. „Vor unserer Geburt wissen wir alles“, sein Leben das sind endlose Möglichkeiten, die Nemo leider nicht ausschließen kann, da in dieser Welt jedes ungeborene Kind sein Leben in allen möglichen Versionen bereits kennt, diese Erinnerung aber vor der Geburt gelöscht werden sollten. Nur haben die Engel des Vergessens Nemo scheinbar leider vergessen. 

Mit acht wird er vor die Entscheidung seines Lebens gestellt: Mit Mama weg oder bei Papa bleiben und Nemo kennt die Ausgänge aller Szenarien. Und so begleitet das Publikum Nemo durch eine jede dieser Varianten. „Nachdem ich alle Möglichkeiten gesehen haben, weiß ich noch viel weniger, welche ich will“. 

Süß auch, wie Nemo, in bester Nerd-Manier, von einem Mädchen aufgefordert etwas zu sagen, einfällt: „Die Schwerkraft auf dem Mars ist nur 2 1/3-mal so hoch wie auf der Erde.“ Am Ende ist unsere Welt dann doch mehr Physik und Biochemie -Verliebtsein, als dass sie romantisch ist. 

Mir ist das Herz viele Male gebrochen, allein vor dem Laptop hatte ich das Bedürfnis viele der Charaktere mindestens einmal in den Arm zu nehmen. Zwischendurch schien die Moral des Stücks zu lauten: Egal, was du tust, irgendwem wird immer verletzt, einsam sein. Das gut 1½-stündige Stück schafft es empathisch mit all seinen Figuren umzugehen, verliert zunehmend aber zwischen all den Beziehungsgeschichten die eigentliche Erzählung aus den Augen. Da wirkte das Stück mehr wie Romanze als Theater. „Denn alles hätte auch anders passieren können und dennoch hätte es die gleiche Bedeutung. 

In jeder Klasse sollte an der Tafel stehen: Das Leben ist ein Spielplatz und sonst nichts“, ein Satz der gerade in Pandemiezeiten ein bisschen Hoffnung, ja beinahe Erleichterung alleine vor den Laptop bringt. Mr. Nobody - weil wir eben am Ende doch durch unsere Entscheidungen sind, wer wir sind, und zu nichts mutieren,  wenn wir das Leben nur mit uns passieren lassen.

Jana Oehlerking | Redaktion Hingucker*innen

„Fennymore, Fennymore......da bist du ja endlich“ - so fängt die Inszenierung von Kirsten Reinhardt und Sebastian Mauksch an.Ich dachte mir am Anfang, soll ich etwa Fennymore sein? ... Ja, wir Zuschauer sind alle Fennymore.
Ein blaues Fahrrad hat uns in eine andere Welt gebracht, wo wir viele Menschen treffen, die sich uns vorstellen. Dabei lernen wir die verschiedenen Geschichten der Bewohner*innen von Diestadt kennen, wie die von Fennymores Lehrer oder von einer alten Klassenkameradin.

Der Bürgermeister möchte gerne sein Amt auf Lebenszeit behalten, was mache Bürger*innen gut und manche eher schlecht finden. Er versucht durch Geschenke für die Stadtbewohner*innen, Stimmen für sich zu gewinnen und die Bürger zu manipulieren. Dabei werden wir als Zuschauer*innen stark eingebunden, denn schon ab Minute EINS hat man das Gefühl, Teil der Story zu sein und als einer der Hauptcharaktere in der Geschichte mittendrin zu sein. 

Fennymore wird von den Performer*innen wie eine echte Person angesprochen. Dabei werden wir sogar zu kleineren Handlungen aufgefordert und können regelmäßig Kommentare einwerfen. Zum Beispiel werden wir gefragt, wie unsere Traumschule der Zukunft aussieht. Und zum Schluss… da steht die große Bürgermeisterwahl an, wo wir den Ausgang bestimmen können. Regelmäßig gibt es TV- und Wahlwerbesendungen von Bürgermeister Doktor Uhrengut. Und nachdem wir die vielen Wahlversprechen bekommen haben, dürfen wir entscheiden, ob er auf Lebenszeit sein Amt behalten soll. Das Ergebnis ist aber bei jeder Vorstellung anders und wird durch die Zuschauenden beeinflusst. 

Was fraglich ist, ist ob man erwachsende Personen zeigen muss, die rauchen und betrunken sind, und das dabei das als „cool“ darzustellen, bei einem Stück für ein Publikum ab 9 Jahren. Obwohl der "Bösewicht" wohl der freundlichste Bösewicht ist, den ich kenne, gibt es viele fragwürdige oder seltsame Szenen. Zum Beispiel wird gesagt, dass die Freundin von Fennymore Papierhüte falten musste, was wohl ein Hinweis darauf ist, dass sie im Arbeitslager war. 

Außerdem fehlt der Aufführung sehr deutlich, dass sie nicht vor Publikum aufgeführt werden kann, sondern online. Die Atmosphäre kommt so nicht genügend rüber.

Es ist gut, dass dieses Stück den Zuschauer*innen Demokratie näher bringen möchte, und dass jede*r, egal welchen Alters, eine Gesellschaft mitgestalten kann. In Zeiten von Debatten, ob das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt werden soll, ist dieses Thema sehr aktuell.

Trotzdem würde ich das Stück nicht ab 9 Jahren empfehlen.

Florian | Redaktion Hingucker*innen

Mit diesem Zitat der Inszenierung “Fressen” von Henrike Iglesias wenden sich die drei Schauspielerinnen in ihrer Show direkt gegen Sexismus und Rollenklischees. In dieser gesellschaftskritischen Live Performance, inklusive Einblicken hinter die Kamera und reichlich Interaktion mit den Zuschauer*innen, machen es die drei Performerinnen ganz anders, als es die Gesellschaft erwartet.  Denn Männer haben schließlich ordentlichen Hunger. Und Frauen? Frauen haben keinen Hunger. Sie essen lieber etwas Kalorienarmes und sind auf Diät, machen Weight Watchers oder zählen Kalorien, um überschüssiges Fett loszuwerden, denn sie sind doch immer irgendwie zu dick. Oder? 

In dieser Aufführung bekommen wir einen ganz anderen Einblick, denn hier wird wortwörtlich GEFRESSEN. Bereits zu Beginn des Stücks sehen wir zwei der drei Schauspielerinnen vor einer Mikrowelle stehen. Provokant und erwartungsvoll blicken sie in die Kamera und zeigen stolz ihr Popcorn. 

Auch bekommen wir intensive private und persönliche Einblicke in das Leben der Künstlerinnen, wenn diese von ihrer Vergangenheit und Gegenwart berichten und dabei direkt in die Kamera blicken, sodass sich die Zuschauer*innen angesprochen und in das Stück integriert fühlen. Sie haben die Möglichkeit bei interaktiven Spielen mitzumachen, etwa den Schauspielerinnen Fragen über deren gesellschaftliche Erfahrungen zu stellen. In fleischfarbenen Anzügen sitzen sie in rosafarbenen Kästen und beantworten Chips essend Fragen. Etwa, ob sie schon mal für ihre Körper verurteilt wurden. Die Zuschauer*innen werden aufgefordert ebenfalls FRESSEND zu antworten. Mal wird von der Erwartung der Gesellschaft gegenüber ihren eigenen Körpern erzählt, mal geht es um Essstörungen aus den Teenagerjahren und den Erwartungen der Eltern. Und immer wird dabei GEFRESSEN. Einmal haben die Zuschauer*innen sogar die Möglichkeit in der Show selbst anzurufen oder eine SMS zu schreiben und von ihren eigenen Erlebnissen bezüglich unserer gesellschaftlichen Erwartungshaltung und Esskultur zu erzählen.   Ja, dieses Stück ist wahrhaftig eine Kritik an unserer Gesellschaft, die uns gewisse Normen und Vorstellungen bezüglich unserer Körper und Essgewohnheiten bereits im Kindesalter anerzieht.  Allerdings wird in der Performance auch klar – die Künstlerinnen wollen sich das nicht mehr gefallen lassen, wollen selbstbestimmt sein und sich nicht mehr von unseren gesellschaftlichen Normen beeinflussen lassen. In der letzten Szene werfen sie wütend verschiedene Lebensmittel in einen Mixer, als Zeichen sich von den stereotypischen und sexistischen Erwartungen gegenüber Frauen zu befreien, wie beispielsweise schlank sein zu müssen, oder auch davon für ihre individuellen Körper angegriffen zu werden. 

Als Zuschauer*in dieser feministischen Inszenierung fragt man sich – Wie sind meine Erwartungen an mich selbst und wie nehme ich meinen Körper war? Und bin ich vielleicht auch Teil dieser gesellschaftlichen Erwartungshaltung?  

Annika Derichs | Redaktion Hingucker*innen

Ein Monolog über die Welt, das Theater und unsere Machtlosigkeit

Ein schwarzer Kasten, ein Mikrofon im Zentrum des Bildes. Im Chat teilen ZuschauerInnen noch fröhlich das Wetter in den Heimatorten, als ein junger Mann vor die Kamera tritt. Arne Vogelgesang – Regisseur, Schauspieler und Monologist für die nächsten 60 Minuten – erklärt das Prinzip seiner Inszenierung: Er stellt ein Video nach, das er 2019 für seine UnterstützerInnen aufnahm, parallel wird besagtes Video abgespielt. Über den Chat kann das Publikum entscheiden, welche Version es gerade sehen möchte. So weit, so gut… oder doch nicht? Denn der lächelnde Kerl mit den zerzausten Haaren beginnt zwar mit der Schilderung seiner Zeit in einer Künstlerresidenz, mit der Entscheidung, sich einen üppigen Rauschebart wachsen zu lassen und wie dieser in jedes seiner künstlerischen Projekte über politische Konflikte gut reingepasst hat, doch auch wie jeder politische Konflikt gut in den Bart passte. Eine Metapher, die in der Inszenierung einen zentralen Platz einnimmt und schnell zeigt sich: Das hier ist mehr als ein Millenial, der über den Sinn seines Lebens und den Beton auf seinen Schultern redet. Es geht um den Kern des Betons, um seinen Ursprung, um den Sand, der in anderen Teilen der Welt gestohlen wird und der das wahre Thema offenbart: Die Klimakrise und ihre Auswirkungen. Es folgt eine halbe Stunde, die - angereichert mit Schaubildern und Statistiken – zwar einen Einblick in sämtliche Probleme des Planeten bietet, aber mich als Zuschauerin einfach nicht mitreißen kann. Ich habe kaum Zeit, über die Bedeutung der genannten Zahlen nachzudenken und als Teil der „Fridays-for-Future“-Generation habe ich Sätze wie „Was soll ich meinen Kindern für eine Welt zeigen?“ schon etliche Male gehört. Ich frage mich, wann und ob die Reproduktionsphase enden soll. Doch schließlich kommt unser Monologist zu einer entscheidenden Frage: „Was kann Theater tun?“ Die Antwort: „Nichts“. Vogelgesang lässt sein Publikum in ein beeindruckendes Loch fallen. „Theater kann das Dargestelltsein der ganzen Welt nicht darstellen.“ Es wird mit einem Medium abgerechnet, das nur noch von sich selbst konsumiert wird, dessen Einfluss nicht über den höflichen Schlussapplaus hinaus geht. Mit dem Entschluss: „wir müssen aufhören, bevor es zu spät ist“. Arne Vogelgesang rasiert sich den Bart ab, in dem kein Platz mehr für Probleme ist und erschafft durch diese eigentlich oft gesehene Darstellung einen schockierend niederschmetternden Moment. Zum ersten Mal ist Zeit, sich zu fragen: „Stimmt das? Ist die Katastrophe wirklich das Ziel?“ 

„Es ist zu spät“ kommt über einen langen Umweg der Reproduktion zu einem beeindruckenden Abschluss. Insbesondere als wortgewaltige Konstruktion werde ich es in Erinnerung behalten, denn Sätze wie „die ganze Welt ist unsere Bühne und ihr Kollaps ein Genuss“ lassen sich nicht mehr so schnell vergessen.

Text von Lena Riemer | Redaktion Hingucker*innen

(…..) Ein Stück dem es scheissegal ist, dass sein Titel vage ist

Ich hätte das Stück bei Tageslicht in meinem Bett liegend angeguckt. Aber mir wurden Anweisungen gegeben, den Raum abzudunkeln und mich auf einen Stuhl zu setzen. Mir wurde die Anweisung gegeben, mir selbst ein Theatererlebnis zu bauen. Ich weiß um die Bedeutung von Theater als Ritual und dennoch hätte ich beinahe darauf verzichtet. Um Zeit zu sparen, die ich frei hatte. Ich habe gestern etwas gesehen, das ich seit Beginn der Pandemie schmerzlichst vermisse: gutes Theater. Mit allem Rituellen, das dazugehört. 

Bis zur Mitte des Stücks war ich genervt. Als jemand, der in der Theater- und Kunstwelt zuhause ist, habe ich viele Versuche Kunst über Kunst zu machen, gesehen. Das ist oft eine elitäre referenzüberladene Reifeprüfung oder ein pseudokindlich pseudonaiver Versuch, die Welt- und Kunstkonstrukte neu zu beobachten. Dabei ist das Hinterfragen von Konstrukten so fundamental nicht kindlich. Das passiert in der Adoleszenz. Und dort passiert es nicht mit großen, neugierigen Augen, sondern mit wahnsinniger Wut und Panik. Wut auf die Konstrukteure, die Eltern, die einen angelogen haben, die weißen alten Männer in den Parlamenten, die eigenen Lehrer*innen. Und Panik davor, in der Auflehnung gegen das, was man als Realität akzeptiert, allein zu sein. Und das zeigt das Stück. Und deswegen war ich dann nicht mehr genervt, sondern sehr ergriffen. Oh ja, juhu, ein wirkliches JUGEND-Stück, mit riesiger, ambivalenter, zersplitterter Wertschätzung der Jugend. 

Adoleszenz bedeutet Konstrukte entdecken, suchen was echt ist und verwirrt werden, weil alles Konstruierte auch echt ist. Und dann geht es irgendwie nur noch darum zu gucken, in welchen Konstrukten man sich wohl fühlt und ob man bessere findet. Angefangen dabei, sich selbst ein kleines Theatererlebnis zu bauen, wenn unser geliebtes Konstrukt Theater nicht mehr sicher ist. Wo es endet weiß ich nicht. Vielleicht damit, einfach alles doof zu finden. Auf jeden Fall ist der Versuch, sich auszudrücken, etwas, dem ich gern immer wieder zuschaue. Und ich bin froh, dass Carola Elias gesagt hat:

Es gibt nicht für alles Worte
und man sagt manches und manches nicht. 
Und dieser Zwischenraum ist auch ganz wichtig. 
Und du stehst ja auch noch am Anfang.

Text von Thalia Schoeller | Redaktion Hingucker*innen

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