Mein ziemlich seltsamer Freund Walter

Thalia Theater Halle
© Falk Wenzel

Credits

Text Sibylle Berg
Regie Katharina Brankatschk
Bühne & Kostüme Nicolaus-Johannes Heyse
Dramaturgie Ralf Meyer
Übersetzung & Übertitelung Anna Galt

Mit Benito Bause, Harald Höbinger, Sophia Platz, Paul Simon

www.buehnen-halle.de

Alter 8+
Dauer 80 Min.

Ort und Zeit

  • 25.04 18:30 Uhr
    SOPHIENSÆLE / Kantine
    accessible
  • 29.04 15:00 Uhr
    SOPHIENSÆLE / Kantine
    accessible
  • 29.04 18:00 Uhr
    SOPHIENSÆLE / Kantine
    accessible

Lisa interessiert sich für vieles, aber niemand interessiert sich für sie. Abends liest sie heimlich Bücher über Astrophysik und sucht den Weltraum nach Außerirdischen ab. In der Schule sitzt Lisa allein. Sie wird gehänselt und gemobbt. Seit ihre Eltern arbeitslos sind, bewegen die sich nur noch vom Bett bis zum Sofa und wieder zurück. Nein, Lisa ist nicht gerade das, was man ein glückliches Kind nennt. Bis eines Abends hinter ihrer Siedlung ein Raumschiff landet und Lisa den Außerirdischen Klakalnamanazdta, den sie schlichtweg Walter nennt, kennenlernt. Walter wird Lisas Freund, lehrt ihr Kung Fu und räumt auch sonst in ihrem Leben auf.

In Mein ziemlich seltsamer Freund Walter geht es um die kleinen, entscheidenden Schritte, die es braucht, um sich in der Welt zu behaupten und darum, wie man manchmal dringend Hilfe braucht, um diese zu gehen. In Katharina Brankatschks Inszenierung dieser märchenhaften Geschichte einer flüchtigen Freundschaft, rutschen, rennen und turnen die Schauspieler˟innen auf mehreren schiefen Ebenen, sie tauchen auf und wieder ab, verwandeln sich in Sekundenschnelle. Dank dieser Slapstick-Einlagen bekommt die tieftraurige Ausgangssituation eine Leichtigkeit, die urkomische Situationen generiert.

Katharina Brankatschk, 1981 in Bautzen geboren und aufgewachsen in Leipzig, studierte Schauspiel an der Folkwang-Hochschule Essen. 2007 ging sie als Ensemblemitglied ans Theater Magdeburg und erhielt 2010 den Nachwuchspreis des Fördervereins des Theaters. 2011 wurde sie Hausregisseurin am Jungen Theater Göttingen. Seit 2013 ist sie Spielleiterin am Thalia Theater Halle.
Sibylle Berg gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen und Dramatikerinnen, deren Werke in über 30 Sprachen übersetzt wurden. Ihr erstes Stück für Kinder entstand als Auftragswerk der Kunststiftung NRW anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums 2014.

Votum

Ein hochbegabtes Mädchen, das aus prekären Verhältnissen kommt, wird in der Schule gemobbt und auch auf dem Schulweg zum Opfer – bis ein nachgerade allmächtiger Freund auftaucht, ob nun real oder in der Fantasie, und das arme Kind ermächtigt, sich zu Wehr zu setzen und im Leben zurecht zu kommen. Fast so etwas wie ein Mutmach-Märchen.

Aber das muss ja nichts Schlechtes sein. Ganz im Gegenteil wenn es so gut gemacht ist wie vom Thalia Theater Halle. Angefangen schon beim Text, und hier gebührt ein Dank dem Consol Theater Gelsenkirchen, das Sibylle Berg beauftragt hatte, zum ersten Mal für das Theater für Kinder zu schreiben. Die arrivierte Autorin hat eine wunderbar leichte und doch nie oberflächliche Vorlage geschrieben, die auf vielen verschiedenen Ebenen wirkt und Stellung bezieht: Aus der Perspektive des Kindes zeigt sie, was Lebensmut und Lebensfreude bewirken können. Auf einer systemkritischen Ebene nimmt sie Stilblüten und Exzesse unserer Gesellschaft aufs Korn, allen voran die Absurdität des Kapitalismus. Und sie begegnet denjenigen Menschen mit Sympathie (und freundlich-auffordernder Kritik), denen in dieser Gesellschaft viel zu lange niemand zugehört hat. Denjenigen, die sich als Verlierer˟innen des Systems fühlen. Es ist sicher kein Zufall, dass nach Gelsenkirchen das Stück in Halle nachgespielt worden ist.

Aber all diese Inhalte stehen nicht im Vordergrund, sondern schwingen mit und geben dem komödiantischen Spiel Tiefe. Denn das ist Mein ziemlich seltsamer Freund Walter in der Hallenser Inszenierung in allererster Linie: eine gut gemachte Komödie mit Tiefgang, die auf ihr soziales und gesellschaftliches Umfeld reagiert. Gespielt von wunderbaren Schauspieler˟innen, vor allem im Zentrum der Inszenierung. Erfrischend, wie selbstverständlich sich Sophia Platz (Studierende der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig) als Lisa mit dem Publikum verbündet, ohne sich anzubiedern, wie sie spielerisch zwischen Figuren- und Erzählebene wechselt und gemeinsam mit Harald Höbinger als Walter die durchaus tragische Geschichte einer unmöglichen Freundschaft entwickelt.

Votum von:

Christian Schönfelder