Kindheit

Ein Theaterstück mit Texten von David Lindemann und Ensemble

Theater im Marienbad, Freiburg
© Bernhard Ott

Credits

Regie Stephan Weiland
Choreografie Gary Joplin
Dramaturgie Sonja Karadza
Musik Carlo Philipp Thomsen
Licht Bernhard Ott, Felix Kremser
Bühne Bernhard Ott (Leitung), Aaron Andersen, Felix Kremser, Manfred Loritz, Jörg Schroth
Kostüme Sabine Steinort
Choreografieassistenz Salim Ben Mammar
Regieassistenz Juliane Wilke
Kostümassistenz Gisi Kinsky
Übersetzung & Übertitelung Kate Mcnaughton

Mit Dominik Knapp, Dietmar Kohn, Salim Ben Mammar, Daniela Mohr, Renate Obermaier, Nadine Werner

www.marienbad.org

Alter 10+
Dauer 95 Min.

Ort und Zeit

  • 28.04 19:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE / Bühne 3
    accessible
  • 29.04 10:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE / Bühne 3
    accessible
  • 29.04 20:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE / Bühne 3
    accessible

Förderer

Gefördert durch: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

Manche von ihnen haben einen Schatz vergraben und finden ihn nicht wieder. Andere kotzen ins Auto. Einer erzählt alles seiner Mutter. Die Schlimmsten treffen sich am Weiher, um Frösche zu töten. Es kommt auch vor, dass einer klaut. Die meisten wissen immer, wo die Grenze ist, einzelne aber nicht. Alle gehören sie zu dieser geschlossenen Clique namens Kindheit. Kein Mensch ist einem so nah und gleichzeitig so dermaßen ein Anderer, wie das Kind, das man einmal war. Sich erinnern heißt auch immer Erfinden.
Sechs Menschen treffen sich im Hinterhof und sind sich ziemlich sicher, dass sie längst erwachsen geworden sind und nicht mehr zu dieser Clique gehören. Sie versuchen sich anzunähern an das Kind, das sie einmal waren. Das Kind, das ihnen so nah und gleichzeitig so fern ist. Erich Kästner hat mal gesagt: Leute, es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

Regisseur Stephan Weiland und Choreograf Gary Joplin haben sich mit sechs Darsteller˟innen aus unterschiedlichen Generationen an ihre Kindheit erinnert. Autobiographisches und literarisches Material wurden zum Ausgangspunkt für die Entwicklung des Stücks. Autor David Lindemann stellte den Improvisationen und Gesprächen der Schauspieler˟innen seine eigene literarische Zuspitzung gegenüber.

Als freies Kinder- und Jugendtheater 1973 gegründet, bespielt das Theater im Marienbad seit 1989 ein ehemaliges Jugendstilbad und versteht sich als eigenständiges Ensembletheater. Mit seinen Inszenierungen richtet es sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Stephan Weiland arbeitet als freier Regisseur in Berlin. Er wirkte über viele Jahre als Dramaturg am Theater im Marienbad und inszeniert dort seither regelmäßig. Kindheit ist seine zweite Zusammenarbeit mit dem in Freiburg lebenden Choreographen Gary Joplin.

Die Produktion Kindheit des Theater im Marienbad wurde zum internationalen Kinder- und Jugendtheaterfestival Schöne Aussicht 2016 nach Stuttgart eingeladen.

Votum

Wenn man an postdramatische Performance gewöhnt ist, ist man ziemlich irritiert wenn man den Theatersaal des Theaters im Marienbad betritt. Das hyperrealistische Bühnenbild von Kindheit stellt einen aus der Zeit gefallenen Hinterhof dar, inklusive verschmutzter Glasfenster. In diesem Hinterhof versammeln sich sechs erwachsene Schauspieler˟innen aus verschiedenen Generationen. In einem, auf Improvisationen basierenden und von Autor David Lindemann zugespitzten, Text werden collagenhaft Erinnerungen aus der Kindheit erzählt. Mit diesem textuellen und darstellerischen Zugriff umgeht das Ensemble ein in den Kuratoriumssitzungen oft diskutierten Punkt: Die Darstellung von Kindern durch erwachsene Schauspieler˟innen im Kindertheater. In Kindheit jedoch, wird von den erwachsenen Schauspieler˟innen nicht das Kind, sondern die Erinnerung an das Kind gezeigt. Die Kindheit entpuppt sich in der Inszenierung als eine Zeitblase, in der man von Informationen und Eindrücken von außen abhängig ist und diese in der eigenen, von Fantasie geprägten, Welt interpretiert.
Die Erinnerungen gehen bis tief ins 20. Jahrhundert zurück und unterscheiden sich zwischen den Generationen in den Erziehungsmethoden und Tabus, nicht aber in den Ängsten, der Euphorie oder sonstiger Emotionen, die sie bei den Erinnernden auslösen. Der Innenhof hält für die unterschiedlichsten Zeiten und Orte her und wird mal zum konkreten, mal zum abstrakten Raum. Die sowohl inhaltliche, als auch choreografische Zeitreise in die Kindheitserinnerungen der sechs Schauspieler˟innen macht aus individuellen Geschichten kollektive Erfahrungen. Als Zuschauer˟in identifiziert man sich mit konkreten Aktionen oder Zeitbildern, aber auch mit den von ihnen ausgelösten Sinnesreizen. 50 Jahre alte Erinnerungen bekommen eine Aktualität für die heute zuschauenden Kinder.
Kindheit ist der Versuch eines seit 43 Jahren existierenden Ensembles, sich trotz seiner großen Expertise nochmal neu mit dem Genre Kindertheater auseinanderzusetzen. Es ist auch ein Versuch die Rolle des Theaterautors in Zeiten der Stückentwicklung neu zu definieren und biografisches Arbeiten mit der Entwicklung einer Stückvorlage zu kombinieren.

Votum von:

Mijke Harmsen