Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor

Theater Waidspeicher, Erfurt
© Lutz Edelhoff

Credits

Text Joke van Leeuwen, aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers in einer Fassung von Susanne Koschig
Regie Susanne Koschig
Bühne, Puppe & Kostüme Kathrin Sellin
Übersetzung & Übertitelung Anna Galt

Mit Kathrin Blüchert

www.waidspeicher.de

Alter ab 8 Jahren
Dauer 60 Min.

Ort und Zeit

  • 26.04 11:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE im Prater
    anschließend Perspektivwechsel - Publikumsgespräch mit dem KinderTheaterBeirat des GRIPS Theaters
  • 26.04 15:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE im Prater
  • 27.04 10:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE im Prater
  • 27.04 17:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE im Prater
  • 28.04 10:00 Uhr
    THEATER AN DER PARKAUE im Prater

Bis der Krieg in ihrem Land ausbricht, lebt Toda, die eigentlich gar nicht so heißt, mit ihrem Vater zusammen. Doch dann muss er fort, um die einen gegen die anderen zu verteidigen. Er muss lernen, wie man ein Busch wird, um sich zu tarnen. Und plötzlich ist nichts mehr normal. Als es zu gefährlich wird, schickt die Großmutter Toda auf die Reise. Sie soll allein über die Grenze ins Nachbarland zu ihrer Mutter. Dabei weiß sie nicht einmal wie eine Grenze aussieht.
Auf dem abenteuerlichen Weg dorthin trifft Toda auf verschiedene Menschen: einen geldgierigen Schlepper, eine überforderte Erzieherin, Kinder, die ihr Spielzeug herschenken sollen und einen Kommandanten, der nicht kommandieren kann.

In Susanne Koschigs Inszenierung mischen sich Erzählen, Kreidemalerei, Schau-, Puppen- und Schattenspiel. Sie kreiert einen intimen Rahmen, in dem die Zuschauer˟innen beinahe auf der Bühne sitzen, diese mitgestalten können und so zu Akteur˟innen werden. Klassische Märchenelemente mischen sich in diese berührende Fluchtgeschichte, in der die nun erwachsene Toda eindrücklich und gleichzeitig ruhig von Krieg und Verlust erzählt. Vom langsamen Gewöhnen an eine andere Kultur und dem Erlernen einer fremden Sprache. Kathrin Blücherts vielschichtige Darstellung dieser starken jungen Heldin lädt zum Mitfiebern und Mitfühlen ein.

Susanne Koschig studierte Literatur- und Theaterwissenschaft an der HU Berlin und ist seit 2014 Dramaturgin am Theater Waidspeicher. Davor arbeitete sie an der Universität Erfurt im Bereich Kinderliteraturforschung. Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor ist ihre erste Regiearbeit am Waidspeicher.
Das Theater Waidspeicher Erfurt ist ein renommiertes deutsches Ensemblepuppentheater. Tourneen führten es durch Europa, die USA, Kanada, Mexiko, Taiwan, Israel und Russland. Es ist Veranstalter des Internationalen Puppentheaterfestivals Synergura.

Die Produktion wurde am 3. September 2016 zu einem Gastspiel im Thüringer Landtag, im Rahmen des SHUK ACHAVA – einer Kooperationsveranstaltung zwischen den ACHAVA-Festspielen Thüringen und dem Thüringer Landtag – eingeladen.

Votum

Joke van Leeuwens Kinderbuch von den Erlebnissen der kleinen Toda, die mittels teuer bezahlter Schlepper vor heranrückenden Kriegshandlungen in Sicherheit gebracht werden soll, ist bereits 2012 aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt und mehrfach für Kinder-und Jugendtheaterbühnen adaptiert worden. Die überzeugendste Inszenierung gelang dabei dem Erfurter Theater Waidspeicher.

Als inzwischen erwachsene Frau berichtet Toda hier von ihrer als Kind durchlebten Flucht. Kreide, Papierzettel, eine Kiste, Wischmop sind die Mittel, mit denen sie diese Geschichte einer erschütternden Entwurzelung und Verlusterfahrung im wahrsten Sinne „spielend“ nahe bringt. Die konkreten Aspekte stets aktueller Fluchtsituationen verflechten sich dabei mit märchenhaften Zügen. So sind die Gestalten, denen Toda begegnet, meist ins Phantastische hinein typisiert. Die Situationen, die sie durchleben muss, erscheinen wie Prüfungen, die Märchenheldinnen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben eben zu bestehen haben. Unverkennbar aber bleibt, dass es hier weniger um Entwicklung und Reifung geht, sondern um das nackte Überleben.

Und doch ist der Erzählton leicht, oft lakonisch und auch bedrohlichen Situationen werden komische Momente abgewonnen. Die kleine, in ihren Mitteln bescheidene Form, in der die Regisseurin Susanne Koschig die Geschichte auf die Bühne bringt, nimmt die Chance wahr, die jungen Zuschauer˟innen unmittelbar an das Geschehen heranzuführen. Durch den Kunstgriff, die Kinder in die Schaffung des fiktiven Ausgangs-Ortes der Handlung einzubeziehen, sie ihre Vorstellungen davon auf dem Bühnenboden zeichnen zu lassen, wird eine Verbundenheit hergestellt. Und mit dem unerbittlichen Wegwischen dieser Zeichnungen ein starkes Zeichen gesetzt. Mehrfach noch gibt die Inszenierung den Kindern derart Gelegenheit, sich am Fortgang des Geschehens zu beteiligen, direkten Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit herzustellen. Und dabei etwas zu erproben, was man Empathie nennen könnte. Derzeit dringend nötig.

Votum von:

Anke Meyer