Tigermilch

COMEDIA Theater Köln
© MEYER ORIGINALS

Credits

Text Stefanie de Velasco in einer Fassung von Catharina Fillers
Regie Catharina Fillers
Ausstattung Cordula Körber
Livemusik Öğünç Kardelen
Dramaturgie Hannah Biedermann
Übersetzung & Übertitelung Anna Galt

Mit Nadja Duesterberg, Sibel Polat, Öğünç Kardelen

www.comedia-koeln.de

Alter ab 15+
Dauer 80 Min.

Ort und Zeit

  • 28.04 10:00 Uhr
    GRIPS Podewil
    accessible
  • 28.04 19:00 Uhr
    GRIPS Podewil
    accessible
  • 29.04 17:00 Uhr
    GRIPS Podewil
    accessible

Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren vierzehn Jahren erwachsen, finden sie. Deswegen kaufen sie sich Ringelstrümpfe, die sie bis zu den Oberschenkeln hochziehen und üben für das Projekt Entjungferung. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft, nennen das Tigermilch und streifen durch den Berliner Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Sie hängen mit Nico ab, der in der ganzen Stadt Graffiti malt und Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Party, rauchen und gehen mit Amir ins Schwimmbad.
Doch dann geschehen plötzlich Dinge, die alles durcheinander bringen. Und alles droht zu zerbrechen ...

Stefanie de Velasco zeichnet in ihrem Roman ein mitreißendes und schonungsloses Portrait von Jugend, das durch leichtfüßige und doch wuchtige Sprache besticht. Im Mittelpunkt stehen zwei Freundinnen auf der Suche nach Selbstbestimmung, deren Welt auf nahezu unbeschreibliche Art und Weise zerbricht und denen doch nichts passieren kann, solange sie einander haben. In Catharina Fillers’ Inszenierung der Romanvorlage bewegen sich die beiden Schauspielerinnen in atemberaubender Geschwindigkeit durch das Geschehen, wechseln zwischen Erzählen und Dialog und nehmen dabei die ganze Bühne auseinander.

Das COMEDIA Theater Köln, eines der ältesten und seit 2009 das größte freie Kinder- und Jugendtheater in NRW, wurde 1974 gegründet und ist seit 1982 in Köln zuhause. Es ist Produktionsort mit festem Stamm künstlerischer Gäste, Festival-Veranstalter und zentraler Ort der Vernetzung des Theaters für Junges Publikum.
Die Regisseurin Catharina Fillers war 2002–2007 Leiterin des COMEDIA Kinder- und Jugendtheaters. Seit 2008 arbeitet sie freischaffend und inszeniert für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Tigermilch wurde ausgezeichnet beim Festival WESTWIND 2016 und nominiert für den Kölner Theaterpreis 2014.

Votum

Starke Bilder und Texte für eine Teenagerfreundschaft und -krise mit allen Schikanen – dem Wunsch nach Selbstbestimmung, der Neugier auf Sex und Alkohol, dem Negieren von moralischen und anderen Vorschriften, Konsumlust, Verlorenheit. Auch wenn das Thema Beziehung/Männer/Jungen quantitativ ziemlich dominant ist, liegt das eigentliche Zentrum dieser Inszenierung im Sichtbarmachen der gemeinsamen Suche beider Mädchen nach Autonomie. Neben dem bizarren Projekt „Vorbereitung auf die Entjungferung“ durch eine Art Prostitutionsfake, für den sich die beiden 14-jährigen Freundinnen Nini und Jameelah mit dem selbst erfundenen Höllengesöff „Tigermilch“ Mut antrinken, entwicklen sich gleich mehrere Dramen und eine wirkliche Tragödie, ein Mord. Die schwierige Lage, in welche die beiden Mädchen durch unfreiwillige Zeugenschaft geraten, sowie komplizierte Familienverhältnisse und drohende Abschiebung laden die Adoleszenzgeschichte nicht nur dramatisch, sondern auch politisch und sozial auf.

Die Inszenierung am COMEDIA Theater Köln schafft es, die vielen Erzählstränge des Romans von Stefanie de Velasco klug zu bündeln und in ein mitreißendes und nachhaltig berührendes Szenario zu überführen. Dazu trägt neben der prägnanten Sprache vor allem die großartige Schauspielleistung von Nadja Duesterberg und Sibel Polats bei, auf die Regisseurin Catharina Fillers zu recht volles Vertrauen setzt. Ihre offene und zugleich empathische wie schonungslose Darstellung erlaubt es, auch die zweifelhaftesten Aktionen der beiden jugendlichen Protagonistinnen ohne einen Anflug von Denunziation auf die Bühne zu bringen. Aber auch das zeichenhafte und funktionell genutzte Bühnenbild, ein aufmerksamer Musiker im Hintergrund und genau gesetzte Dialoge tragen zur theatralen Stärke dieser Inszenierung von Tigermilch bei.

Insgesamt eine herausragend gelungene Literaturadaption, die der wachsenden Diversität unserer Gesellschaft Rechnung trägt, indem sie darauf verzichtet, ihre Akteure als „Außenseiter“ vor der Kulisse einer behaupteten „Normalität“ zu zeichnen. Und: Man muss einiges an Ambivalenz aushalten.

Votum von:

Anke Meyer