SORRY

Monster Truck & The Footprints in Koproduktion mit Theater Rampe Stuttgart, Forum Freies Theater Düsseldorf, Goethe-Institut Nigeria, SOPHIENSÆLE
© Florian Krauss

Credits

Künstlerische Leitung Segun Adefila, Marcel Bugiel, Manuel Gerst, Sahar Rahimi, Ina Vera
Künstlerische Mitarbeit & Künstlerbetreuung Abiodun Sinat Adefila, Oluwaseun Awobajo, Theresa Pommerenke
Sound & Licht Alice Ferl, Stine Hertel
Produktionsleitung ehrliche arbeit – freies Kulturbüro

Mit Muiz Adebayo, Moses Akintunde, Andreas Klinger, John Lakutu, Ridwan Rasheed, Waris Rasheed

www.monstertrucker.de

Alter ab 14+
Dauer 80 Min.

Ort und Zeit

  • 27.04 10:00 Uhr
    SOPHIENSÆLE / Festsaal
    accessible | followed by audience discussion 'Tischgesellschaft'
  • 28.04 16:00 Uhr
    SOPHIENSÆLE / Festsaal
    accessible | followed by audience discussion 'Tischgesellschaft'
  • 29.04 20:00 Uhr
    SOPHIENSÆLE / Festsaal
    accessible | followed by audience discussion 'Tischgesellschaft'
  • 30.04 15:00 Uhr
    SOPHIENSÆLE / Festsaal
    accessible | followed by audience discussion 'Tischgesellschaft'

Förderer

Gefördert durch: Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes, Senatsverwaltung Berlin für Kultur und Europa

Auf einer weißen Bühne treffen fünf dünne Waisenkinder aus Lagos auf einen dicken, weißen Mann. Kindliche Unschuld trifft auf den sprichwörtlichen Fremden, der Kindern Schokolade anbietet. Postkoloniale Chancenlosigkeit trifft auf die stereotype Verkörperung von Europas kolonialer Schuld und zeitgenössischer nigerianischer Tanz auf europäisches Konzepttheater. Die Machtverhältnisse scheinen klar verteilt. Es geht um Schuld und Unschuld bei allem, was man tut. Die moralischen Sieger scheinen eigentlich von vornherein festzustehen, doch auf dem unsicheren Untergrund, auf dem man sich begegnet, wird das Geschehen zu einer Rutschpartie im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Horrorfilm nimmt seinen Lauf – eine interkulturelle Begegnung als albtraumhaftes Spiel ohne Grenzen. Wer ist am Ende abhängig von wem?

Monster Truck und der nigerianische Choreograf Segun Adefila kreieren mit SORRY eine Performance voller Widersprüche, die beim Publikum auf der einen Seite klare Assoziationen und Bilder hervorruft, auf der anderen Seite ständig aneckt, Missverständnisse produziert und die Zuschauer˟innen permanent ihre eigene Haltung hinterfragen lässt. Das zunächst klar strukturierte Bühnenbild passt sich den produzierten Widersprüchen an und verwandelt sich zunehmend in ein schlammiges Chaos.

Segun Adefila lebt und arbeitet als Choreograf, Regisseur und Performer in Lagos, Nigeria. Er studierte Creative Arts an der University of Lagos und gründete 1996 die Crown Troupe of Africa, eine Tanz- und Theater-Company in Bariga, Lagos State, deren künstlerischer Leiter er ist.
Die Performancegruppe Monster Truck wurde 2005 am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen gegründet. Sie besteht zurzeit aus Marcel Bugiel, Manuel Gerst, Sahar Rahimi und Ina Vera und arbeitet in den Bereichen Theater/Performance, szenische Installation und Video.

SORRY war eingeladen zum Lagos-live-Festival in Nigeria, zum Afropean Mimicry & Mockery-Festival im Mousonturm Frankfurt und wurde u.a. in den Münchner Kammerspielen präsentiert.

Votum

Ein wohl genährter weißer Performer und fünf schlanke Waisenjungen aus Lagos, der jüngste etwa acht, die ältesten vielleicht fünfzehn. Was sie mit- und vor allem gegeneinander tun, ist aktuell, verstörend, ambivalent, bisweilen kaum auszuhalten, zum Widerspruch anregend. Allein dieses Anfangsbild: ein mageres Kind liegt wie tot am Boden, der weiße Mann sitzt daneben und isst ungerührt eine Tafel Schokolade, hebt dann das Kind auf, das urplötzlich zum Leben erwacht, sich wie ein Vampir auf den Mann stürzt und zubeißt. Später wiederholt sich dieses Bild quälend oft, die Frage ist, wer hier wen aussaugt, Europa Afrika oder Afrika Europa.
Monster Truck aus Deutschland und The Footprints aus Nigeria haben gemeinsam die (Un-)Möglichkeiten einer afrikanisch-europäischen Begegnung auf Augenhöhe ausgelotet. Gefunden haben sie Bilder und Choreografien, die mal europäisch angehaucht sind, mal zumindest uns Mitteleuropäer an afrikanischen Tanz erinnern. Die mal weit verbreitete Klischees von Afrika aufgreifen, mal auf beschämende Art und Weise an die bis heute fortdauernde Ausbeutung gemahnen oder die längst schon wieder verdrängte Flüchtlings-Katastrophe im Mittelmeer assoziieren.
Visualität, Musikauswahl und der offensive Charme der Kinder lassen einen Sog entstehen, dem man sich als Zuschauer˟in kaum entziehen kann – bis man sich plötzlich an den Grenzen des eigenen Urteilvermögens wiederfindet, konfrontiert mit Bildern, die eigentlich niemand sehen möchte, weil sie unglaublich viele Wahrheiten enthalten. Mit Bildern, die Fragen aufwerfen, die Narben aufreißen, die verstören und provozieren.
Kunst im besten Sinne: als beeindruckendes, gesellschaftlich relevantes Statement, als an- und aufregendes Erlebnis, das hoffentlich Anlass sein wird für Diskussionen, die längst überfällig sind: zu Fragen des migrantischen und postmigrantischen Theaters, über Rassismus und Neokolonialismus in unserer Gesellschaft und die Haltung des Theaters für ein junges Publikum zur Einwanderungsgesellschaft. SORRY gibt die Möglichkeit, diese Diskussionen nicht nur theoretisch zu führen, sondern anhand konkreter sinnlicher Wahrnehmungen und Erfahrungen – und das hoffentlich noch mit Bezug zu den praktischen Erfahrungen mit und in unserer Gesellschaft.

Votum von:

Christian Schönfelder